Sonntag, 28. August 2016

Piratinnen - Piero Schäfer

Das ruchlose Leben der Anna Zollinger


Anna Zollinger, die Tochter eines Seidenhändlers, lebt mit ihrer Familie im 16. Jahrhundert am Zürichsee. Sie hat eine Zwillingsschwester, und obwohl die Mädchen sich sehr ähnlich sehen, sind sie doch völlig unterschiedlich von ihrer Wesensart. Nach dem Tod von Annas und Beatas Mutter heiratet Linhart Zollinger erneut. Die Stiefmutter, eine herrschsüchtige Frau, kommt vor allem mit der aufbrausenden Anna gar nicht zurecht und veranlasst, dass das Mädchen ins Kloster geschickt wird. Was Anna dort erlebt, ist unbeschreiblich und schrecklich. Zusammen mit Anton Kreuzer, einem Pilger, den sie während ihres Aufenthalts im Kloster kennenlernt und in den sie sich verliebt, flieht sie. Aus Eifersucht bringt Kreuzer einen Reisläufer um und muss fliehen. Die Verbindung zu Anna übersteht diese Tat nicht unbeschadet. Anna lernt die schöne Brida, eine Dirne, kennen, und es führt eines zum anderen; die beiden jungen Frauen geraten auf die schiefe Bahn. Zusammen mit einer Fischerstochter, die ein Boot zur Verfügung hat, begeht das räuberische Trio zahlreiche Raubüberfälle, meist auf dem Zürichsee. Aber Annas „Erfolg“ währt nicht lange....

Die Handlung dieses Romans ist außergewöhnlich, sowohl was die Umgebung angeht, in der sich die Geschichte abspielt, aber auch mit Blick auf die Protagonisten. Das Schicksal der Anna Zollinger und ihrer Komplizinnen ist sehr authentisch beschrieben, so dass man sich häufig zwischendurch fragt, ob die Geschichte wohl wirklich passiert ist oder nur erfunden. Piero Schäfer, der Autor, hüllt sich hierüber in Schweigen. Das Leben im sechzehnten Jahrhundert bot für junge Frauen aus besser gestellten Familien nicht allzu viele Möglichkeiten, und Anna, mit ihrem großen Freiheitsdrang, hatte schon bald Probleme, das ihr zugedachte Schicksal zu akzeptieren. Sie ist keine liebenswerte Protagonistin, denn auch wenn sie einem anfangs leid tut und man viele ihrer Reaktionen nachvollziehen kann, begeht sie später im Verlauf der Geschichte oft so brutale und herzlose Taten, dass sich mein Verständnis und Mitleid sehr in Grenzen hielt. Auch die anderen Charaktere handeln häufig unbeherrscht und ohne nachzudenken. Beispielsweise konnte ich ganz und gar nicht verstehen, wieso Linhart Zollinger nicht gemerkt hat, welch falsches Spiel seine zweite Frau betrieb. Klar, er war viel auf Reisen, aber die ganze Beschreibung seiner Ehe klang nicht danach, als sei es die große Liebe, die ihn für die Realität blind machen würde. Deshalb ist es mir unverständlich, dass er so gar nichts mitbekam, was in seinem Haus ablief.
Insgesamt ist die Story fesselnd und kurzweilig erzählt. Aber ab und zu sind mir kleine Ungereimtheiten aufgefallen. Um nur ein Beispiel zu nennen: wie kommt ein Gefangener in einer Zelle plötzlich an ein Locheisen? Die Erklärung, wie das zustande kam und die folgende Befreiungsaktion waren für mich etwas fadenscheinig erklärt. Aber wie gesagt, das sind Kleinigkeiten, die den Lesegenuss nicht schmälern. Dass es im Anhang ein ausführliches Glossar und eine detaillierte Personenliste gibt, finde ich sehr gut, denn es kommen viele Personen in der Handlung vor, die man anhand der Liste glücklicherweise immer leicht zuordnen konnte. Auch die Begriffserklärungen im Glossar fand ich sehr hilfreich, hätte aber noch ein paar weitere Begriffe erfassen können, denn es gibt im Buch viele mundartliche und regionale Ausdrücke, die ich nicht kannte.
Das Cover zeigt eine Seenlandschaft in der Abenddämmerung, was mir sehr gefällt und auch gut zum Roman passt.

Alles in allem ist dies ein gelungenes Buch, das eine etwas andere Lebensgeschichte erzählt. Wer jedoch Romane mit Happy End bevorzugt, der sei gewarnt, denn er wird hier nicht auf seine kosten kommen.




Mittwoch, 17. August 2016

Neuzugänge in der ersten Augusthälfte 2016

Der August hat die Halbzeit überschritten, und ich möchte euch meine Neuzugänge in Sachen Bücher nicht vorenthalten.

Die beiden vorderen Bücher sind Rezensionsexemplare, mit denen ich an Leserunden bei Leserunden.de teilnehme. Mit dem zweiten Band der "Salbenmacherin" habe ich bereits begonnen. Der letzte Band aus Petra Schiers Adelina-Reihe wird im Oktober gelesen, denn die Leserunde dazu beginnt am 30. September.
Dahinter vier Bücher, die ich gekauft bzw. ertauscht habe, alles Titel von meiner Wunschliste. Wenn ich mir die Auswahl so betrachte, dann kann ich nicht verleugnen, dass die historischen Romane mein liebstes Genre sind ;-)

Sonntag, 14. August 2016

Das Seehaus - Kate Morton


Dieser Roman beinhaltet grob gesagt zwei Handlungsstränge und innerhalb dieser verschiedene Rückblenden.

In der Gegenwart lernen wir Sadie kennen. Die engagierte Polizistin ist bei den Ermittlungen zu ihrem jüngsten Fall übers Ziel hinaus geschossen und wurde aus diesem Grund vorübergehend beurlaubt. Sie nimmt diese Auszeit zum Anlass, ihren Großvater in Cornwall zu besuchen.
Dort stößt sie auf ein altes Haus am See, und wie sie erfährt, gehört es der Familie Edevane, die früher hier lebte. Nach einer Tragödie, die sich während der Mittsommernachtsfeier im Jahr 1933 zugetragen hatte, verließen die Edevanes ihren Wohnsitz für immer, denn damals, in dieser besagten Nacht, war der jüngste Sohn der Edevanes spurlos verschwunden. Außerdem wurde ein Toter gefunden. Die damaligen Ermittlungen brachten kein Ergebnis, und die Angelegenheit war dem Vergessen preis gegeben, bis Sadie auftaucht und sich mit dem Fall beschäftigt. Sie trifft sich mit einem der damaligen Polizisten, der mittlerweile längst pensioniert ist, und sie nimmt Kontakt zu den noch lebenden Nachfahren der Familie Edevane auf. Hier, bei diesem fast vergessenen Fall, den Sadie anfangs eher als Ablenkung gesehen hat, findet sie eine Aufgabe, die sie völlig in Anspruch nimmt. Die Vergangenheit lässt sie nicht los, und sie will herausfinden, was damals geschah. In Rückblenden und durch alte Aufzeichnungen erfährt man mehr über die einzelnen Mitglieder der Familie und ihr Schicksal.

Das Hörbuch ist eine gekürzte Lesung des Romans, ich konnte der Handlung jedoch problemlos folgen und hatte nie den Eindruck, dass etwas fehlen würde. Alle Kürzungen wurden sorgfältig und behutsam vorgenommen, so dass die Geschichte nie holprig oder unlogisch erschien. Mit Esther Schweins hat das Hörbuch eine grandiose Erzählstimme, der ich nur allzu gerne folgte. Die Sprecherin macht den Roman zu einem besonderen Erlebnis. Sie führt den Zuhörer durch die verschiedenen Zeitebenen und zu verborgenen Plätzen und Geheimnissen. Die Handlung lässt sich nur schwer in ein bestimmtes Genre einordnen, denn es ist sowohl ein zeitgenössischer als auch ein historischer Roman, und irgendwo ist es auch ein Krimi, der einen mit Haut und Haaren packt und nicht mehr loslässt, bis alle Geheimnisse geklärt sind.


Für mich war dies die erste Begegnung mit den Romanen von Kate Morton, und sie war durchaus dazu angetan, mich auf den Geschmack zu bringen. Es wird definitiv nicht mein letzter Roman der Autorin sein, denn nicht nur die Aufbereitung und Ausführung dieses Hörbuchs hat mir sehr gefallen, auch die Sprache hat mich begeistert und neugierig auf weitere Romane von Kate Morton gemacht.