Sonntag, 26. Februar 2017

Bartleby, der Schreiber - Herman Melville



Diese kleine Geschichte spielt an der Wallstreet. Es sind keine Zeitangaben gemacht, aber die Erzählung wurde im Jahr 1853 veröffentlicht, und ich vermute, dass auch die Handlung ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. „Bartleby, der Schreiber“ entstammt der Feder von Herman Melville, dem Verfasser des weltberühmten Klassikers „Moby Dick“.

Die Ereignisse sind aus der Sicht eines älteren Notars geschildert. Der Ich-Erzähler hat seine Kanzlei an der Wallstreet. Die Aussicht aus seinem Büro ist trist, denn man starrt auf die Mauern der umstehenden Hochhäuser. Der Notar, der durchgehend anonym bleibt, hat mehrere angestellte Schreiber, deren Charakterzüge und Eigenheiten er zuerst ausführlich darlegt. Da die Arbeit im Büro ständig zunimmt, sieht sich der Notar genötigt, einen weiteren Schreiber bzw. Kopisten einzustellen. Auf seine Anzeige hin meldet sich ein junger Bewerber namens Bartleby, und er nimmt den stillen Mann auch gleich unter Vertrag. Bartleby erweist sich in der ersten Zeit als fleißig und gewissenhaft. Aber als der Notar ihn eines Tages bittet, eine extra Aufgabe für ihn zu erfüllen, antwortet Bartleby: „Ich würde vorziehen, das nicht zu tun.“ Im ersten Augenblick ist sein Chef empört, dann verstört, denn mit einer Weigerung hat er nicht gerechnet. Allerdings erfolgte diese so sanft und leise, dass dem Notar der Wind aus den Segeln genommen wurde. In der folgenden Zeit werden derartige Weigerungen Bartlebys häufiger und erfolgen immer mit den Worten: „Ich würde vorziehen, das nicht zu tun“. Sie führen letztendlich zur völligen Selbstaufgabe des Schreibers.

Der Notar weiß nicht, was er tun soll, denn irgendwie hat Bartlebys Verhalten etwas Anrührendes. Wie sich herausstellt, verlässt er die Kanzlei nicht, sondern lebt in seinem Büro. Einerseits hat sein Chef Mitleid, und doch möchte er ihn am liebsten loswerden, aber etwas hält ihn davon ab, den Mann auf die Straße zu setzen. Bartleby widersteht allen Überredungskünsten, die Kanzlei mit einer Abfindung zu verlassen. Der Inhaber sieht keine andere Möglichkeit, als sein Büro zu verlegen. Die Folgen dieses Umzugs sind fatal. Der Notar kann zwar Bartleby damit aus seinem Gesichtsfeld bannen, aber nicht aus seinen Gedanken, und immer noch fühlt er sich für den einsamen, stillen Mann verantwortlich.

Die Geschichte umfasst gerade einmal siebzig Seiten, und doch schafft es dieses kleine Büchlein, mehr Emotionen freizusetzen als so mancher Wälzer. Ich habe Bartlebys Schicksal mit sehr gemischten Gefühlen verfolgt und wurde ständig hin und her gerissen zwischen Unverständnis und Mitgefühl. Der Ich-Erzähler bleibt anonym und gesichtslos bis zuletzt, und doch gelingt es dem Leser, sich in den Notar hinein zu versetzen. Man kann seine Zweifel und Befürchtungen gut verstehen. Es spricht für ihn, dass er sich so lange um Bartleby bemüht. Man kann nur erahnen, was in dem stillen Schreiber vorgeht. Seine ganze Erscheinung wirkt so einsam und anrührend. Obwohl man nur wenig über ihn erfährt, hofft man auf eine Wendung zum Guten. Erst ganz zuletzt erfährt man ein wenig über Bartlebys Vorgeschichte, die wohl sein Leben geprägt hat.

Die Person Bartlebys mutet einerseits grotesk an, aber dabei ist diese Erzählung so dicht und ergreifend geschrieben und so eindrucksvoll, dass sie einen einfach berühren muss. Ich für meinen Teil werde Bartleby sicher so schnell nicht vergessen.

👍👍👍👍👍


Donnerstag, 23. Februar 2017

Die Donauprinzessin und die Toten von Wien - Beate Maly



Der Roman spielt in Wien im Jahr 1531.
Seit der Belagerung der Stadt durch die Türken sind zwei Jahre vergangen. Das Leben geht seinen normalen Gang, aber in den Außenbezirken sind die tragischen Verluste und die Zerstörung aus der Belagerungszeit Zeit noch sichtbar. Eines Tages wird ein Toter gefunden, vom Pfeil einer Armbrust niedergestreckt. Der Mann war auf der Suche nach einer alten Schatulle, die er gerade ausgraben wollte, als ihn der Pfeil tötete. Dies ist nur der Anfang, denn es folgen weitere Todesfälle, denen eindeutig ein Mord zugrunde liegt. Der Mathematiker Sebastian Grün, der als Bauingenieur für die Stadt arbeitet, wird mit der Aufklärung der Verbrechen beauftragt. Darin hat er bereits Erfahrung, wie man im Lauf der Geschichte erfährt, denn bereits ein Jahr zuvor war er auf Mördersuche, unter Mithilfe seiner geliebten Fanny, der Winzertochter vom Nussberg. Aber trotz aller Zuneigung wartet Fanny vergeblich auf einen Heiratsantrag. Die junge Witwe wohnt wieder auf dem Gut ihres Vaters und keltert ihren eigenen Wein, was ihr als Frau eigentlich gar nicht offiziell erlaubt wäre. Gerade jetzt würde sie Sebastian besonders brauchen, denn ihr Vater beabsichtigt, sie wieder zu verheiraten und hat auch schon einen geeigneten Mann für sie ausgesucht. Mit dieser Ehe möchte der Winzer vermeiden, dass seine Weinberge in falsche Hände kommen, falls ihm etwas zustoßen sollte. Fanny muss mit ansehen, wie ohne ihr Einverständnis einfach über ihr Schicksal entschieden wird, aber sie weiß auch, dass etwas geschehen muss, denn ihrem Vater geht es gesundheitlich immer schlechter.
Sebastian ist im Auftrag des Bürgermeisters unterwegs und soll die Morde klären. Dabei ahnt er nicht, dass er Fanny für immer zu verlieren droht.

Dies ist bereits der zweite Band um die Donauprinzessin. Den ersten Teil kenne ich leider noch nicht, aber ich hatte trotzdem keinerlei Probleme, in die Handlung hinein zu finden, und alles, was man aus dem ersten Band wissen muss, wird in kleinen Rückblicken geschickt in die Handlung eingebunden.
Nun gibt es erneut mysteriöse Todesfälle in der Stadt. Je mehr man über Sebastian Grüns Recherchen erfährt, umso deutlicher werden die Zusammenhänge, und umso fesselnder entwickelt sich die Geschichte. Bis zuletzt gelingt es der Autorin, überraschende Wendungen in den Roman einzufügen und die Spannung auf einem hohen Level zu halten. Dabei bewegt sich die fiktive Handlung sehr nah an der Realität und wirkt dadurch sehr authentisch. Man erfährt so einiges über die politische Situation Wiens zu dieser Zeit, und auch der damalige Bürgermeister tritt mehrfach in Aktion.
Fanny ist eine sehr sympathische junge Frau, die ihre Arbeit auf dem Nussberg liebt und eigenverantwortlich einen Wein bester Qualität keltert. An ihrem Beispiel wird die Situation der Frauen im Mittelalter sehr deutlich dargelegt. Würde ihr Vater sterben und sie wäre noch unverheiratet, würden die Weinberge nicht in ihrem Besitzt bleiben, sondern an die Stadt fallen. Was wir heutzutage als ungerecht empfinden, war damals Gesetz und allgemein üblich. Bei all ihrem eigenen Kummer hat die junge Frau aber auch ein Herz für die Armen und hilft wo sie kann.
Die Ursache für Sebastians Zögern, sich seiner Fanny zu erklären, wird ebenfalls gut und verständlich dargestellt. Seine Beweggründe kann ich durchaus nachvollziehen, wenn ich ihm auch gerne ab und zu mal einen Schubs in die richtige Richtung gegeben hätte, weil man das Elend kaum mit ansehen konnte, wie er Fanny in ihr Unglück rennen lässt.
Der Schreibstil der Geschichte ist sehr gefällig, wie ich das schon von früheren Romanen der Autorin kenne und schätze. Beate Maly gelingt es, ihre Charaktere so lebendig zu beschreiben, dass sie einem sehr nahe kommen. Da spricht auch so mancher, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und man kann dies schriftlich bestens nachvollziehen, wie beispielsweise beim Glocken- und Kanonengießer Gregor Löffler, der (hier schwarz auf weiß festgehalten) ausgeprägten Dialekt spricht.

Alles in allem ist dies ein historischer Krimi vom Allerfeinsten, und ich hoffe, dass es noch mehr Bände geben wird und es die Autorin nicht bei den beiden bisher erschienenen belässt. Gerne würde ich Fanny und Sebastian auch noch weiter durchs Leben begleiten, denn langweilig wird es in ihrem Umfeld garantiert nicht.

👍👍👍👍👍


Montag, 20. Februar 2017

Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen - Clara Maria Bagus


Es ist Winter, und draußen ist es grau und eisig kalt, die Natur ist tief verschneit. Ein Mann sitzt am Fenster und blickt nach draußen, als ein wunderschöner, bunter Vogel angeflogen kommt. Als dieser sich auf einem Ast niederlässt, sprießen dort plötzlich frische Frühlingstriebe. Der Vogel erhebt sich wieder in die Lüfte, und schon ist das zarte Grün verschwunden, aber überall, wo der Vogel landet, grünt und blüht es, und die Luft in der Nähe erwärmt sich. Der Mann ist hingerissen und beschließt, dem gefiederten Frühlingsboten zu folgen. Er macht sich auf eine lange Reise, stets auf der Suche nach dem Vogel. Oft verliert er diesen aus den Augen, aber immer wieder entdeckt er ihn, und überall wo der Vogel auftaucht, wird Frühling. Auf seiner Reise begegnet der Mann vielen unterschiedlichen Menschen. Er führt zahlreiche Gespräche und lernt die verschiedensten Sichtweisen und Lebenseinstellungen kennen. Dabei erkennt er, was wirklich wichtig ist im Leben und findet zu sich selbst.

Die Schreibweise dieses wunderschön aufgemachten Büchleins ist märchenhaft. Die Sätze sind einfach und gut verständlich gehalten, und doch entbehren sie nicht einer gewissen Poesie. In den Gesprächen mit Anderen erfährt der Mann, der durchgehend namenlos bleibt, viel über das Leben und auch über sich selbst. Die Menschen, die mit ihm sprechen, haben alle ihre Lebensweisheiten parat. Die geschilderten Situationen wirken irreal, denn alle Begegnungen laufen anonym ab, der Mann erfährt von seinen Gesprächspartnern keine Namen. Auch die Orte sind namenlos und machen einen unwirklichen Eindruck, eben märchenhaft. Viele Elemente der Handlung können so überhaupt nicht ablaufen, und in einem Roman würde man sie als unglaubwürdig abtun. Nicht so jedoch in dieser magischen Geschichte, denn die beschränkt sich auf das Wesentliche, und das braucht in diesem Fall keine Namen und Ortsbezeichnungen.
So manches an dieser Erzählung hat Erinnerungen an andere Bücher in mir geweckt, so gibt es durchaus Ähnlichkeiten zu Klassikern wie „Der kleine Prinz“, und letztendlich hat mich die Geschichte auch ein wenig an das zauberhafte Bilderbuch „O wie schön ist Panama“ erinnert. Gemeinsam ist den hier erwähnten Büchern der philosophische Anstrich und auch die Suche der Protagonisten nach der Essenz, nach dem wahren Sinn des Lebens und nach ihrem eigenen Platz darin.
Untertitel dieses Buches ist „Eine Reise zur Leichtigkeit“, und eben diese Leichtigkeit wird schon durch den Umschlag vermittelt, denn dieser zeigt filigrane Äste und ein ausgestanztes Vögelchen auf dem farblich eher trist gehaltenen Schutzumschlag. Durch die Ausstanzung leuchtet der kleine Vogel jedoch wunderschön, denn der eigentliche Buch-Einband schimmert irisierend durch. So blitzt bereits hier ein wenig vom Zauber der Geschichte hervor.
Neben der traumhaft anmutenden Handlung hat dieses Büchlein auch noch einen wahren Schatz an schönen Zitaten und Lebensweisheiten zu bieten, aus denen man durchaus in diversen Lebenslagen Kraft schöpfen kann.

Als Beispiel füge ich zum Schluss hier mein persönliches Lieblings-Zitat an: „Dein Leben ist das Einzige, das du hast. Sei lieber das Meisterstück deiner selbst statt das Imitat eines anderen“.

👍👍👍👍👍